Lehrerin Frau M. erzählt: Drei Klassenfahrten mit EOS aus Sicht einer Pädagogin
Drei Fahrten, drei pädagogische Aufgaben: eine anonymisierte Lehrerinnenperspektive auf Kennenlernen, Konfliktklärung und einen guten Abschluss.
Tom FilbrandtGeschäftsführender Vorstand · ErlebnispädagogeAktualisiert am
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Transparenzhinweis: Frau M. steht hier nicht für eine einzelne, wörtlich interviewte Lehrerin. Der Beitrag bündelt wiederkehrende Beobachtungen aus Lehrkräfteperspektive zu einer anonymisierten pädagogischen Ich-Stimme. Es werden weder eine konkrete Schule noch ein tatsächlicher Klassenverlauf nacherzählt; deshalb gibt es auch keine erfundenen Zitate.
Dreimal mit derselben Klasse auf Fahrt zu gehen klingt zunächst nach Wiederholung. Aus meiner Sicht als Lehrerin ist es das Gegenteil. Eine neu zusammengesetzte Klasse braucht etwas anderes als eine Gruppe, in der sich feste Rollen und Konflikte gebildet haben. Und kurz vor einem Abschied geht es nicht mehr darum, aus allen ein Team zu machen. Dann sollen die Jugendlichen sehen, was sie miteinander gelernt haben und was jede und jeder in den nächsten Abschnitt mitnimmt.
Genau deshalb beginne ich bei einer Klassenfahrt nicht mit der Frage nach dem spektakulärsten Programmpunkt. Ich frage: Was braucht diese Klasse jetzt? Das ist auch der Ausgangspunkt für die Abstimmung mit EOS. Die Fahrt bekommt ein Ziel, die Erlebnisse werden dazu passend ausgewählt und die Auswertung führt zurück in den Schulalltag.
Vor jeder Fahrt: Verantwortung klären, Beobachtungen teilen
Als Lehrkraft kenne ich die Klasse aus dem Unterricht. Ich weiß, wer schnell die Führung übernimmt, wer sich eher entzieht, welche Spannungen gerade mitschwingen und wo gesundheitliche oder individuelle Bedürfnisse berücksichtigt werden müssen. Die EOS-Teamer:innen bringen einen unverstellten Blick, erlebnispädagogische Methoden und die Erfahrung mit, Gruppen außerhalb des Klassenzimmers zu begleiten. Gut wird die Zusammenarbeit, wenn beide Seiten dieses Wissen vorab zusammenbringen.
Im Vorbereitungsgespräch gehören deshalb nicht nur Ankunftszeit und Zimmeraufteilung auf den Tisch. Hilfreicher sind konkrete Fragen: Soll die Klasse zunächst Sicherheit miteinander gewinnen? Braucht sie Übung im Zuhören und Entscheiden? Gibt es Situationen, in denen einzelne Kinder Schutz oder eine andere Form der Beteiligung brauchen? Was möchten wir nach der Fahrt im Unterricht wieder aufgreifen?
Dabei bleiben die Rollen klar. Eine pädagogische Programmleitung durch EOS nimmt mir die schulische Verantwortung nicht ab. Die DGUV-Handreichung zu Schulfahrten beschreibt Aufsicht als aktiv, präventiv und kontinuierlich; auch bei externen Fachkräften braucht es eindeutige Absprachen über Zuständigkeiten. Für mich bedeutet das: Ich darf während einer Einheit beobachten und Raum geben, bleibe aber ansprechbar und trage relevante Informationen rechtzeitig weiter.
Fahrt 1: Ankommen und Zugehörigkeit aufbauen
Auf der ersten Fahrt ist mein Ziel nicht, dass nach drei Tagen alle eng befreundet sind. Das wäre weder realistisch noch nötig. Es geht um eine tragfähige Grundlage: Namen werden zu Menschen, unbekannte Stärken werden sichtbar und die Klasse erlebt, dass gemeinsame Aufgaben mehr brauchen als die Lautesten in der ersten Reihe.
Eine Kooperationsaufgabe zeigt schnell, wie die Gruppe Entscheidungen trifft. Beim gemeinsamen Zubereiten einer Mahlzeit wird ebenso deutlich, wer Arbeit sieht, wer auf einen Auftrag wartet und wer andere einbezieht. Solche Situationen sind pädagogisch ergiebig, weil sie nicht auf einer abstrakten Regelkarte stehen. Die Schülerinnen und Schüler handeln wirklich, erleben die Wirkung ihres Verhaltens und können anschließend darüber sprechen.
Hier passt der EOS-Gedanke von Kopf, Herz und Hand sehr konkret. Der Kopf entwickelt einen Plan. Das Herz nimmt wahr, ob jemand dazugehört oder übergangen wird. Die Hand setzt die Idee um – beim Bauen, Tragen, Kochen oder Ordnen. Keine dieser Ebenen reicht allein. Eine gute Lösung, bei der ein Teil der Gruppe nur zuschaut, ist pädagogisch noch keine gute Zusammenarbeit.
Meine Aufgabe ist es, nicht jede Unsicherheit sofort aufzulösen. Ich beobachte: Wer fragt eine ruhige Person nach ihrer Idee? Wer kann Verantwortung abgeben? Wer hält einen Fehler aus, ohne einen Schuldigen zu suchen? In der Reflexion helfen die EOS-Teamer:innen, aus dem Erlebnis eine verständliche Beobachtung zu machen. Zurück in der Schule kann ich daran anknüpfen – etwa bei wechselnden Arbeitsgruppen, Klassendiensten oder der Frage, wie wir Entscheidungen treffen.
Fahrt 2: Konflikte bearbeiten, ohne Harmonie zu spielen
Auf einer späteren Fahrt ist die Ausgangslage eine andere. Die Klasse kennt sich; vielleicht kennt sie sich inzwischen sogar zu gut. Rollen sind fest geworden, kleinere Reibungen laufen auf vertrauten Wegen und manche Auseinandersetzung wird nur noch mit einem Augenrollen begonnen. Dann wäre ein reines Kennenlernprogramm am Bedarf vorbei.
Vor der Fahrt schildere ich EOS keine fertigen Diagnosen über einzelne Kinder. Ich beschreibe beobachtbares Verhalten und Situationen: In Gruppenarbeiten sprechen oft dieselben Personen. Zwei Teilgruppen vermeiden einander. Absprachen werden getroffen, aber nicht von allen getragen. So kann das Team Aufgaben wählen, bei denen verschiedene Fähigkeiten gebraucht werden und ein schneller Einzelsieg nicht weiterhilft.
Entscheidend ist, den Konflikt weder zu dramatisieren noch mit einem schönen Gemeinschaftsgefühl zuzudecken. Eine Teamaufgabe darf scheitern. In der Auswertung interessiert dann nicht zuerst, wer schuld war, sondern: Wann haben wir aufgehört zuzuhören? Welche Idee ist verloren gegangen? Was hat geholfen, wieder arbeitsfähig zu werden? Damit entsteht eine gemeinsame Sprache für etwas, das im Klassenzimmer oft nur als Störung erlebt wird.
Nach der Fahrt brauche ich einen kleinen, sichtbaren Anschluss. Das kann eine Vereinbarung für Gruppenarbeiten sein oder eine kurze Rückschau im Klassenrat: Was gelingt schon besser, worauf achten wir weiter? Wer Regeln gemeinsam entwickeln will, findet in unserem Beitrag Klassenregeln gemeinsam erarbeiten eine passende Fortsetzung. Eine Klassenfahrt löst Konflikte nicht endgültig. Sie kann aber konkrete Erfahrungen schaffen, auf die sich die Klasse später beziehen kann.
Fahrt 3: Bilanz ziehen und Übergänge gestalten
Bei einer Abschlussfahrt verschiebt sich der Blick erneut. Die Gruppe muss nicht für immer zusammenbleiben. Sie soll ihre gemeinsame Zeit bewusst abschließen und den Übergang gestalten. Dafür braucht es neben Aktivität auch Ruhe: einen Rückblick auf schwierige und gelungene Etappen, eine Aufgabe mit selbstständiger Verantwortung und Formen der Wertschätzung, die niemanden zur großen Gefühlsrede zwingen.
Für mich als Lehrerin ist diese Phase besonders aufschlussreich. Ich schaue weniger darauf, ob eine Aufgabe in Rekordzeit gelingt. Mich interessiert, ob die Jugendlichen inzwischen Verantwortung verteilen, Grenzen anderer wahrnehmen und Unterstützung annehmen können. EOS kann dafür einen Rahmen geben, in dem Handlung und Reflexion einander abwechseln. Das Erlebte gehört der Gruppe; die Deutung wird ihr nicht von Erwachsenen fertig geliefert.
Zum Abschluss sollte der Transfer nach vorn zeigen. Welche Stärke möchte ich in eine neue Klasse, Ausbildung oder Lerngruppe mitnehmen? Was brauche ich, wenn eine neue Gruppe wieder bei null beginnt? So wird aus dem Rückblick kein nostalgischer Programmpunkt, sondern eine Vorbereitung auf den nächsten Schritt.
Was von drei Fahrten bleibt
Die pädagogische Forschung zu mehrtägigem Lernen außerhalb der Schule mahnt zu einem nüchternen Blick. Eine Fahrt erzeugt nicht automatisch dauerhafte Veränderungen. Eine Untersuchung zu schulischen Outdoor-Aufenthalten beschreibt vor allem erinnerbare Schlüsselmomente, entdeckendes Lernen und Beziehungen als wichtige Bestandteile des Lernprozesses. Entscheidend bleibt, wie Erfahrungen eingeordnet und später wieder aufgegriffen werden (Scrutton, 2020).
Aus meiner verdichteten Lehrkräfteperspektive lautet die wichtigste Erkenntnis deshalb: Nicht dieselbe Fahrt dreimal buchen, sondern dreimal genau hinschauen. Zuerst kann Zugehörigkeit im Mittelpunkt stehen, später Konfliktfähigkeit und am Ende ein bewusster Übergang. Der rote Faden ist nicht eine bestimmte Aktivität. Es ist das Zusammenspiel aus klarem Ziel, gemeinsamem Tun, ehrlicher Reflexion und einem überschaubaren nächsten Schritt im Alltag.
Wer zunächst klären möchte, welches Ziel zur eigenen Klasse passt, kann bei Sind Klassenfahrten sinnvoll? weiterlesen. Einen Überblick über Ablauf, Begleitung und mögliche Schwerpunkte gibt unsere Seite zu erlebnispädagogischen Klassenfahrten mit EOS. Im persönlichen Vorgespräch wird daraus kein Standardprogramm, sondern ein Rahmen, der zu Ihrer Klasse und ihrer aktuellen Etappe passt.
